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I.
Alles wird gut werden. Wie oft habe ich diesen Satz nun schon gehört. Zu oft, und jedes mal wird er sinnloser, so wie alles, was Hoffnung spenden soll. Denn Hoffnung bringt uns nicht mehr weiter, diese Zeiten sind vorbei, die Hoffnung wurde erstickt. Wir leben im Jenseits. Jenseits des Fallouts.
Es ist verdammt schief gegangen.
Das sagte mir meine Ma, bevor sie ihr Leben aushauchte. Sie starb wohl an den Folgen, aber ich erlebte die alte Zeit und das unmittelbare Danach der Katastrophe nicht mit. Wie es früher gewesen sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.
Es ist verdammt schief gegangen. Dieser Satz hat sich immer wieder bewahrheitet.
Ich bahne mir meinen Weg durch die Straßen dieser Stadt und wo ich nur hinschaue erblicke ich die Tragweiten des Krieges, der Veränderungen, und kann die Richtigkeit Ma’s Aussage bestätigen. Elysium – der Name dieser gottverdammten Stadt ist blanker Hohn. Nichts, rein gar nichts paradiesisches ist an ihr zu finden. Diese Stadt ist die Hure Babylon. Angelegt im 21. Jahrhundert ist sie rasch gewachsen. Und mit ihr die Korruption und der Zerfall. Die Sünde erhielt Einzug ist das, was Pater Urias immer zu sagen pflegt. Doch diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen, ich weiß nur wie es ist und eine bessere Welt kann ich mir nicht vorstellen.
Elysium – die einzige Heimat, die ich kenne. Und auch wenn ich in der alten Zeit nicht gelebt habe, so merke auch ich, dass es zunehmenst schlimmer wird.
Mein Weg führt mich vorbei an den Städten des Elends, von denen sich eine an die andere reiht. Mein Blick ist starr gerade aus gerichtet, denn ich weiß, was um mich herum los ist. Ich muss es mir nicht vor Augen führen. Verstümmelte Männer würde ich erblicken, denn die anderen schuften in den Fabriken. Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, Kinder mit dumpfen, leeren Augen, auf dem Weg zum Schrottplatz oder von da kommend. Nur wenige Frauen. Diese haben meist genug zu tun. Wenn nicht daheim, so bestimmt im Paradise oder in anderen Lokalitäten, die den Bedüfnissen der Männer angepasst sind. Bei diesem Gedanken überkommt es mich und ich spucke auf die Straße. Mein Gott, ich versuche schon den ganzen Mist, der mich umgibt auszublenden, und doch gelingt es mir höchstens im Ansatz, und das auch nur wenn ich mir dies großzügig zugestehe.
Man könnte fast meinen, die Stadt sei tot. Doch das ist sie noch nicht, sie ist nur schwer krank, vielleicht auch unheilbar, aber ein stetiger Puls hält sie noch am Leben. Ich blicke hoch, wie Grabsteine ragen die riesigen Hochhäuser gen Himmel und scheinen das Schicksal dieser Stadt schon zu besiegeln. Der Himmel zieht meinen Blick auf sich, diese graue Masse, hinter der sich Gott versteckt. Ich schüttel den Kopf, kann ich mir doch die Frage nach dem warum nicht verkneifen, weiß aber, wie unsinnig diese ist.
Schemenhaft wird nun die Kirche am Ende der Straße sichtbar. Mein Ziel, so ironisch dies auch sein mag. Doch besser dieses, als gar keines. Und die Zeit des Handelns ist zudem schon spürbar nahe gerückt. Die Glocke läutet, durchbricht die Stille der Straße. Erst jetzt fällt mir auf, wie ruhig es gewesen war. Aber die Leute haben sich nichts mehr zu sagen. Nicht hier, wo es jeder hören kann, nicht die, welche die Straßen bevölkern. Ich bin spät dran. „Doch besser spät als nie“ ist ein Spruch, den man heute und hier wohl besser zu schätzen weiß, als sonst irgendwo. Und somit verschnellere ich meinen Gang, beeile mich ein wenig, doch werde ich in nur wenigen Minuten eintreffen und kann mir sicher sein, dass sie auf mich warten werden.
Die Church of divine Prosperity, in der wir uns eingefunden haben, kenne ich gut. Sehr viele Stunden habe ich hier verbracht, denn eine Kirche ist ein Ort der Ruhe. Nur wenige Menschen kommen noch hierher um Gott nahe zu sein. Gott und seine Kirche gerät allmählich in Vergessenheit, und so hat man mit dieser Einrichtung die perfekte Möglichkeit sich zurück zu ziehen, alleine zu sein und vor der Witterung geschützt.
Doch heute ist sie nicht leer, ganz im Gegenteil. Die Anführerin steht vorne, von wo aus Pater Urias sonst immer seine Predigten hält. Ich schaue mich um und erblicke den Pater, der sich bewusst im Hintergrund hält.
Meine erste Versammlung findet heute hier statt. Ich bin gespannt, was diese für mich bereit hält. Man kann mir nicht vorwerfen, ich würde zu viel hiervon erwarten. Aber ich kann nicht leugnen, dass es mir in den Fingern juckt. Mit Hoffnung hat das nichts mehr zu tun, die Hoffnung fehlt mir, aber den Willen habe ich. Veränderungen müssen vorgenommen werden, es liegt nicht mehr an Gott unser Schicksal zu lenken, es liegt nicht mehr an den Autoritäten, denn sie haben sich der Korruption unterworfen, es liegt an uns, an der beraubten Jugend, sich wieder das zu nehmen, was ihr zusteht.
Fury Corazón steht vor uns. Ihr kurzes, schwarzes Haar steht wild von ihrem Kopf ab. Ihre grünen Augen haben etwas durchtriebenes und dennoch diszipliniertes an sich. Ihre schmalen Lippen sind kaum mehr als eine Linie. Sie ist angespannt. Ihr sehniger Körper steckt in einer weiten grauen Männerhose, einem weißen Feinrippunterhemd und schwarzen Arbeitsstiefel. Es ist die Standardausstattung eines Fabrikarbeiters. Doch an ihr wirkt es ganz anders. Man könnte sagen, dass es sie betont. Es betont ihre Haltung, es betont ihre Geschichte und es betont ihre Position. Sie ist hier der Boss. Die Frau in Männerkleidern.
Ehrfurcht und Respekt ist es, was sie uns vermittelt. Sie braucht nichts sagen, keine besonderen Gesten ausführen. Alleine wie sie dort steht, mit einem beobachtenden Blick, den Händen in den Hosentaschen und dem vorgeschobenen Kinn, das ihr etwas trotziges, widerspenstiges verleiht. Ich bin mir sicher, Fury will ich nicht als Feindin haben. Dafür muss ich nicht erst die Geschichten kennen, die sich um diese Frau ranken. Doch tun sie ihr Übriges um mich von meinem Standpunkt zu überzeugen.
Noch ist in der Kirche nicht die Ruhe eingetreten, die Fury von uns verlangt. Und scheinbar geduldig verharrt sie in ihrer Position, schließt ab und zu die Augen und scheint noch einmal zu durchdenken, was sie uns mitteilen will, was sie uns mitteilen muss. Sie fasziniert mich, zieht mich in ihren Bann. Fury Corazón, die Frau, die Elysium befreit hat. Die Einzelgängerin, die sich nun entschieden hat, uns alle zu führen. Wohin uns ihr Weg bringen wird, kann ich noch nicht sagen. Ich habe so meine Ahnung, dass es in der ersten Zeit nicht besser oder einfacher werden wird, als es bisher war. Und ich befürchte, dass heute ein Tag ist, der mein Schicksal besiegeln wird. Resigniere ich, oder gehe ich in den Kampf? Nehme den gewaltsamen Tod in Kauf? Woher diese Gedanken kommen, kann ich nicht sagen, denn die Gefahr scheint ja gebannt. Fury Corazón, die Frau zu der wir aufschauen hat der Mafia unter den Borzakov-Brüdern ein Ende bereitet.
Nun endlich haben auch die letzten begriffen, dass Fury absolute Ruhe verlangt und nachdem wir einige Augenblicke in Stille verbrachten, holt sie noch einmal Luft und richtet ihre klare Stimme an uns.
„Ich stehe nun vor Euch als die, die ich bin. Einige werden mich wohl kennen, andere werden von mir gehört haben. Ich bin eine von Euch, ein betrogenes Kind Elysiums“, sie hält kurz inne, verleiht ihren Worten dadurch zusätzlichen Nachdruck und schaut sich ernst in ihrer Zuhörerschaft um.
„Ich dachte, ich hätte mein Ziel erreicht, als ich den Borzakov- Brüdern und ihren Komplizen die Kugel gegeben habe. Ich dachte, es würde mich erfüllen, meinen Bruder zu rächen. Meinen Bruder Gabriel Corazón, den diese Bastarde abgeschlachtet haben, als ich 16 war. Wie auch viele Eurer Angehörigen.
Ich dachte, ich wäre nun bereit, mich der Freiheit voll und ganz hinzugeben. Der Freiheit, die der Tod birgt. Denn es gibt nichts mehr, was mich am Leben hält“, auch hier schafft sie eine kurze Pause. „Das Leben ist nicht schön, das haben mir die einundzwanzig Jahre meines Daseins sehr deutlich gemacht.
Und doch hält mich noch eine Sache davor ab, den Weg ins Jenseits zu beschreiten. Leute, ich würde Euch gerne erzählen, dass es nun besser wird. Dass wir nichts mehr zu befürchten haben, denn die Borzakovs sind weg. Doch leider kann ich das nicht. Leider sehen wir uns einer neuen Gefahr gegenüber gestellt. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch Elysium davon betroffen sein wird. Es sind die Maschinen.“ An dieses Stelle bricht ein Tumult aus, die Menschen sind verstört, dieses Wort – Maschine – verängstigt sie. Mich eingeschlossen. Doch ein Blick in Furys Gesicht hält mich davon ab, in die Tuscheleien mit einzusteigen. Abgesehen davon kenne ich keinen, mit dem ich reden könnte. Doch wird sich das bestimmt noch ändern. Auch den Rest des Publikums haben Furys Blicke wohl davon überzeugt, dass es gesünder wäre, wieder den Mund zu halten.
„Innerhalb kürzester Zeit haben es diese Kreaturen geschafft, zu unglaublicher Macht aufzusteigen. Erschaffen von Menschen, Wissenschaftlern, die nach Gott strebten. Heute morgen erreichte uns noch die Nachricht, dass die Metropolen ganz Europas ihnen schon zum Opfer gefallen sind, bis hin nach Moskau und St. Petersburg sind sie schon gekommen. Nicht mehr lange, und auch hier in Elysium werden sie unser Ende sein.
Die Rebellionen in den Fabriken konnten nur mühsam in Schacht gehalten werden, und es wird an Menschen liegen, die genug Mut haben und den Tod nicht fürchten, diesen Wesen den Gar aus zu machen!“ Ihre Fäuste sind geballt, als sie die letzten Worte spricht. Eiserne Entschlossenheit macht sich in ihrem Gesicht breit und die Körperspannung offenbart die Muskulösität ihres Körpers.
Ein Mutiger steht auf und wagt es der Anführerin zu widersprechen: „Aber das ist doch Aufgabe der Autoritäten! Sollen die sich doch um die Maschinen kümmern, das ist nicht unser Bier!“ Nur mühsam kann ich mir ein Lachen verkneifen und richte meinen Blick stattdessen erneut auf Fury, die den Mann scharf ins Auge fasst. „Du glaubst noch an die Autoritäten? Nach all dem, was in unserer Stadt geschehen ist?“, sie lacht bitter auf. „Verlässt Du Dich auf die Autoritäten, so bist Du verlassen. Das sollte jedem hier bewusst sein, und wer das immer noch nicht begriffen hat, der kann sich meinetwegen zurück lehnen und glauben, dass alles wieder gut wird. Das ist mir doch egal! Nur weiß ich, auf welcher Seite ich stehe. Und ich werde nicht zusehen, wie die Autoritäten weiterhin Schmiergelder zählen und letztendlich wahrscheinlich von den Maschinen gegen uns eingesetzt werden.“ Sie blickt sich noch einmal um, ihre Blicke prüfen jeden einzelnen von uns, auch meinen und ich tue mein bestes, ihr stand zuhalten. „Jeder von Euch ist aus freien Stücken hier. Ich werde keinen von Euch zwingen, sich mir anzuschließen. Ich werde es auch nicht übel nehmen, wenn Ihr Euch dagegen entscheidet. Es sind schwierige Entscheidungen, die Ihr für Euch treffen müsst. Nichts kann ich versprechen. Nur die Ungewissheit bleibt gewiss.“
Wir schweigen, kehren in uns und stellen uns unseren Ängsten. Ich frage mich wirklich, auf was ich mich da nur eingelassen habe. Der Rückzug ist für mich keine Option, auch wenn er mir frei steht, auch wenn ich sehe, dass viele von denen, die gerade noch Furys Worten gelauscht haben, schon aufstehen und ihre Entscheidung getroffen haben.
In diesem bedeutungsvollem Moment, Fury schaut ihnen nach,öffnet sich das Tor, durchbricht die Stille, die an diesem Ort herrschte. Ich drehe mich um, die Neugierde treibt mich. Wer wagt es zu stören? Es ist allgemein bekannt gewesen, wann die Zusammenkunft stattfinden sollte. Ich bin leicht verärgert und mein Ärgernis wandelt sich in Groll um, als ich sehe, um wen es sich bei dem Eindringling handelt. Es ist Ariana. Sie setzt ein geziertes Lächeln auf, wirft ihr blondes Haar grazil in den Nacken und schlendert durch den Kreuzgang weiter nach vorne, bis sie sich schließlich auf einer Bank nieder lässt. Ihre Beine legt sie hoch, auf die vordere Bank, sodass wir ihr alle unter den Rock schauen können. Was für eine Blasphemie. Was für ein Drecksstück. „Tut mir Leid, ich hatte noch ein paar Kunden“, ist das, was sie als Entschuldigung vorbringt, bevor sie anfängt, sich die Nägel zu feilen. Es ist unglaublich wie man das Klischee einer Hure so gekonnt verkörpern kann, wie Ariana. Sie ist vulgär, sie ist respektlos und dabei noch so jung. Auch um sie ranken sich Geschichten, doch sind sie mit Furys nicht zu vergleichen. Ariana ist der Star des Paradise. Alle wollen sie und nur wer den richtigen Preis auch zahlen kann, bekommt sie auch. Sie spielt die perfekte Lolitanummer und schaffte es somit, sich eine Stammkundschaft zu erarbeiten. Sie fressen ihr aus der Hand und Ariana treibt sie in den sicheren Ruin. Eiskalt. Sogar ihren Vater soll sie verführt haben, doch das ist nicht sicher.
Nun sitzt sie auf der Bank zwei Reihen vor mir und ich frage mich, was sie eigentlich hier will. Sie passt so gar nicht in unsere Versammlung rein. Und was war Furys Reaktion auf Arianas Auftritt? Diese hat es wortlos hingenommen und ihr zugenickt. Sie scheinen sich zu kennen, doch das wundert mich nicht, wo Fury doch auch im Paradise anschaffen musste. Ich bin froh darum, dass mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Dass ich es geschafft habe mit dem wenigen, dass man fürs Kellnern verdient durchzukommen. Doch habe ich auch keine Familie, um die ich mich kümmern soll und mich hat nie jemand dazu gezwungen, mich der Prostitution hinzugeben.
Angetrieben durch die Unruhe, die Ariana ausgelöst hat, brechen nun die auf, die sich gegen den Kampf entschieden haben. Ich bleibe auf meinem Platz sitzen und betrachte das Kruzifix, dass hinter Fury über dem Altar prangt. Werde ich meine Entscheidung bereuen, oder war es der einzig richtige Schritt, den ich habe gehen können? Ich blicke auf den einstigen Erlöser der Christenheit, den Sohn Gottes. Auch er hat einen gewaltsamen Tod auf sich genommen und irgendwie beruhigt mich dieser Gedanke.
Jetzt wo ich mich in der Kirche wieder umschaue bemerke ich, wie viele doch gegangen sind. Es sind etwa zehn von den einstigen vierzig die es wohl gewesen waren, geblieben. Fury scheint nicht überrascht zu sein. Vielleicht haben wir ihre Erwartungen sogar übertroffen.
Ihre Lippen verziehen sich zu einem schiefen Grinsen. „Noch ein Abtrünniger unter euch?“, fragt sie, während sie von einer Seite zur anderen geht und jeden Einzelnen ins Auge fasst. Keiner geht, keiner sagt was, das scheint sie milde zu stimmen. Sie lächelt und mir fällt zum ersten mal auf, dass Fury durchaus auch etwas hübsches an sich hat. Auch wenn dieses Lächeln keine Freude ausdrückt, ihre Augen kalt bleiben. Sind sie überhaupt noch in der Lage, Freude auszudrücken, Freude zu empfinden? Es stimmt mich nachdenklich. Doch sollte ich nicht meinen Gedanken nachhängen. Ich muss mich auf das Jetzt konzentrieren, blicke wieder zu Fury. „Sehr gut“, ihre Aussage bestärkend nickt sie. „Ich kenne Eure Beweggründe nicht. Doch wir werden noch genug Zeit haben, uns kennen zu lernen. Aber eins muss euch allen Bewusst sein: Nicht jeder wird mit dem Leben davon kommen soweit es die Maschinen auf unseren Tod oder die Sklaverei abgesehen haben. Erst wenn ihr heute Abend ins Insomnia kommt, dort den hinteren Raum aufsucht um euch wieder mit mir zu treffen, werde ich mich auf euch verlassen. Denkt also noch einmal über alles nach. Der Tod könnte nur ein paar Schritte entfernt sein.“ Sie blickt in unsere Gesichter, ziemlich ernst schaut sie drein und ich muss daran denken, dass diese Frau dem Tod schon mehrfach ins Gesicht blickte und selbigen auch brachte. „Um zehn erwarte ich euch im Insomnia. Fragt einfach nach Fury, der Weg wird euch gezeigt.“ Sie nickt noch ein letztes mal, das Zeichen für uns, dass wir aufstehen können.
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