Auch ich habe es nun endlich einmal geschafft, „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche zu lesen. Nach allem, was man über dieses Buch gehört hat, habe ich es beinahe als Pflicht wahrgenommen. Ich war äußerst neugierig auf die Schweinereien, die mich erwarten würden, darauf, wie ich selbst auf dieses Werk reagieren würde.
Und? Den Hype um dieses Werk, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Wenn man mal von Helens Hobbys absieht, die die Verbreitung und Aufnahme von Bakterien mit einschließen, fand ich das alles wirklich nicht besonders wild. Einiges kam mir doch erstaunlich bekannt vor. Dinge, über die ich gewiss nicht reden werde, die allerdings in meinen Augen alles andere als furchtbar ekelerregend sind.
Was ich somit wesentlich schockierender finde, als das Buch mit seiner Helen, das sind die Reaktionen, die es ausgelöst hat. Jene zeigen mir doch sehr deutlich, wie verdammt verklemmt unsere hightech- und pornofixierte Welt eigentlich ist. Sie erinnern mich daran, wie man als Kinder, wenn man in einer Gruppe gepupst hat, immer den anderen unterstellte, sie wären es gewesen – selber lässt man natürlich nie seinen Blähungen freien Lauf. Schon garnicht als Mädchen.
Nein, Mädchen furzen nicht, saubere Mädchen produzieren keine Vaginalsekrete – wissen schonmal garnicht, wie diese schmecken (pfui!, bäh!), masturbieren nicht und haben keinerlei eigenen Körpergeruch zu verströhmen. Unsere Körper sind auf Pflegeprodukte genormt. Schon von Kindheit an, ab der Pubertät erst recht!
Wir Frauen sind die haar- und geruchslosen, sterilen und hyperhygienischen, furzfreien Übermenschen, Göttinnen in Pastelltönen, wir sind
himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen, die nach Efeu duften
um es in F.J. Wagners Worten zu sagen.
Es hat den Anschein, dass Männer, aber auch Frauen es lieber hätten, weibliche Sexualität würde in gummipuppenhafter Weise, nämlich frei jeglicher Sekretabsonderung (mit Eigengeruch!), ablaufen. In meinen Augen ist das doch eine ziemlich verzerrte Vorstellung von Sexualität. Die Aufregung, die „Feuchtgebiete“ allerdings verursacht, legt ein solches Bild allerdings ziemlich nahe.
Häufig habe ich in Bezug auf „Feuchtgebiete“, gelesen, es sei vollkommen daneben, ein Buch über „sowas“ zu schreiben. Warum denn? In meinen Augen ist Literatur eine Form der Kunst. Somit stehen ihr, genau so wie der Kunst doch auch alle Themenbereiche offen. Es steht Charlotte Roche und jedem anderen Schriftsteller auch frei, über alles zu schreiben, was ihm in den Sinn kommt. Und wenn es Vaginalsekrete sind – nur zu! Es ist das erste Buch, was ich in meinem Leben gelesen habe, in denen solche überhaupt Erwähnung finden. Abgesehen davon, das in dem ein oder anderen Roman eine Frau mal beim Sex als „feucht“ beschrieben wird. Uff, das ist aber gewagt! Ja, im Grunde ist es auch das erste Buch, was ich gelesen habe, in dem ein Mensch das macht, was alle Menschen tun: Stuhlgang verrichten. Ich habe noch keinen Roman gelesen, in denen Menschen wirklich Dinge tun, die sie als Menschen ausmachen. Auf Klo gehen, ausgiebig Essen, rülpsen, furzen, evtl. auch masturbieren. Nein, sowas scheint irgendwie kollektiv ausgespart zu werden. Steht das in irgendwelchen literarischen Konventionen drin? In der Filmindustrie ist es ja das selbe. Wer mit sowas nicht umgehen kann, sollte nicht die Schriftstellerin mit ihrem Roman dafür verantwortlich machen, sondern selbst ersteinmal seine eigene Einstellung hinterfragen oder, sollte das zu viel verlangt sein, die Finger davon lassen.
Somit fand ich „Feuchtgebiete“ relativ realistisch. Helen macht vollkommen normale Dinge. Dinge, die wohl so normal sind, dass sie nirgendwo Erwähnung finden. Was regen sich die Kritiker also auf? Müssen diese nie kacken?
Ein weiterer Kritikpunkt war die Sprache, die im Buch Verwendung findet. Illustriert werden die Gedanken eines 18-jährigen Mädchens. Jawohl, ihre Gedanken. Ich weiß ja nicht, wie andere Menschen denken. Wenn ich denke, schmeiße ich in meinem Kopf jedenfalls nicht unbeding mit Fachbegriffen um mich. Somit finde ich es alles andere als empörend, dass Helen von ihrer „Muschi“ denkt, und von ihrem „Arsch“. Es wäre alles andere als realistisch, wenn Helen von ihrer „Vagina“ denken würde. Das muss man einfach so sehen und da wird mir jeder zustimmen können.
Desweiteren: Was die Gedanken der guten Helen angehen, so finde ich es auch alles andere als verwunderlich, dass sich diese die größte Zeit ihres überaus langweiligen Krankenhausaufenthalts auf Sex beziehen. Auch das ist ziemlich realistisch. Man müsse sich nur mal selber beobachten, über sich selber reflektieren, wenn man im öffentlichen Verkehrsmittel sitzt, im Wartezimmer der Praxis oder anderorts, wo Spaß und Spannung nicht gerade vorprogrammiert sind, wohin die eigenen Gedanken abschweifen. Wenn man sich nicht gerade das Hirn über schwerwiegende Probleme zermartern muss.
Wer eine weitere, von meinem Standpunkt aus, sehr gelungene Besprechung zu „Feuchtgebiete“ lesen möchte (mit vielen Zitaten), sollte hier im Mädchenblog vorbei schauen. Kritischer sieht das Schmitti Roches Werk, vor allem eben in Hinblick auf den Exsessiven Austausch von Körperflüssigkeiten, der dem HIV-Risiko vollkommen bedachtlos gegenüber steht. Eine Gefahr, die trotz Helens mutiger Selbstexperimente wirklich nicht außer Acht gelassen werden sollte.
Alles in allem fand ich das Buch nicht schlecht. Es hat mir doch eigentlich ganz gut gefallen, weil es ein absolut sinnloses Tabu bricht. Ich kann den Vorwurf bezüglich der Provokation nur bedingt verstehen. Wieso es provozierend sein sollte, die Tatsachen auf den Tisch zu legen, entzieht sich meinen Geisteskräften. Dass Helen jedoch ziemlich rumsaut und durchaus auch mehr als denkwürdige Aktionen veranstaltet, ist künstlerische Freiheit.
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Ich ringe gerade noch mit Helen und kann mir noch kein abschliessendes Urteil erlauben, bis hier also nur auf Widerruf:
Das das Buch provoziert finde ich nicht überraschend, irgendwie finde ich, das der Wunsch genau das zu tun auch aus jeder Zeile quilt. Das macht das ganze sehr ambivalent finde ich.
Einerseits macht das in meinem Augen die Geschichte kaputt. Kurz ist das ganz spannend, aber auf Dauer hängen mir die immer neuen Körperflüssigkeiten dann auch zum Hals raus. Natürlich ist es wichtig das mal aufzuschreiben, bzw. rauszubrüllen. Um der Sache wegen, nicht um eine Geschichte zu stützen.
Dieses Stützen, ist wohl auch der Hauptgrund, für das Weglassen der fäkal/vaginalen Details in den meisten anderen Geschichten, die man zu lesen bekommt. Meistens spielt es einfach keine Rolle.
Irgendwie gibt es immer Filme und Bücher, die Grenzen verschieben (The Evil Dead, Braindead, American Psycho,…), vielleicht nur zu dem Selbstzweck, aber das ist ja immerhin was, öffnet Türen für alles was danach kommt…
Wirklich, ich stehe auf dem Standpunkt, das Leute, die sich von „Feuchtgebiete“ provoziert fühlen, ihr eigenes Verhältnis zum weiblichen Körper noch einmal überdenken sollten.
Klar, die absoluten Brüller des Buches sind gnadenlos übertrieben. Als Übertreibungen jedoch, habe ich diese auch empfunden, nicht einfach nur als Provokation. Der Rest des Buches erschien mir eher als eine Realitätswiedergabe die da anfängt, wo andere Autoren hübsch diskret die Tür schließen, um nicht in die Privatsphäre des Protagonisten einzudringen.
Deine Viktoria
„ich stehe auf dem Standpunkt, das Leute, die sich von “Feuchtgebiete” provoziert fühlen, ihr eigenes Verhältnis zum weiblichen Körper noch einmal überdenken sollten.“
ich weiss nicht, ob ich mich provoziert fühle, ich hab mich ein paar Mal abgestossen gefühlt. ich weiss natürlich, das Frauen kacken und Muschis nicht immer sauber sind, aber beim vögeln finde ich das dann doch angenehmer, was bei Männern ganz sicher auch so wäre… von daher sehe ich deinen Bezug zum weiblichen Körper kritisch…
…andererseits hast du natürlich recht, das buch wäre nicht so erfolgreich, wenn helen männlich wäre…
…wie ist es eigentlich andersherum? vielleicht liegt das problem ja darin, das sex auch gern was mit illusion zu tun hat. die frage wäre, ob die lesbische wahrnehmung von frauen eine andere ist als die heterosexuell männliche und ob die schwule männerwahrnehmung sich von der heterosexuell weiblichen unterscheidet. das weiss ich aber einfach nicht. aber einige teile der schwulen sexualität zB sind so stark ikonisiert, das ich vermuten würde, dass das hier ähnlich ist…
…kennst du den film „ex drummer“, der funktioniert ein bisschen so ähnlich wie das buch. all die dinge, von denen alle wissen, das sie da sind werden so geballt und überladen gezeigt, das nichts anderes übrig bleibt als provokation, aber das hatte ich im ersten kommentar ja schon…
Hallo Mario,
die Sache ist folgende: Uns Frauen wird von überall her suggeriert, dass unser Körpergeruch etwas ekeliges ist, was unbedingt überdeckt werden muss. Deswegen sollen wir uns jeden Tag mit Duschgel/Seife waschen, uns mit Lotionen und anderen Cremes einreiben, eine parfümierte Slipeinlage einsetzen und schließlich noch ein angenehmes Eau de Toilette auftragen, fertig ist das Supervamp, eingepackt in einer unnatürlichen aber überaus wohl duftenden rosa Wolke.
Ziemlich körperfeindlich, wenn man mich fragt, andere Frauen und auch andere Männer stimmen mit mir überein. Klar, nicht alle, aber Meinungsverschiedenheiten sind ja erlaubt.
Natürlich sollte man sauber sein. Natürlich übertreibt Helen es mit ihrer antihygienischen Haltung. Aber im Rahmen dieser Übertreibung sticht eben auch die andere, gesellschaftliche, körperfeindliche Haltung hervor. Und das wird höchte Zeit. Es wird einfach ein vollkommen falsches Körperbild vermittelt, ein Körperbild, welches von der tatsächlichen Sexualität ziemlich abweicht. Wenn eine Frau Spaß am Sex hat, erregt ist, dann wird sie feucht. Dieses Sekret hat nunmal einen Eigengeruch. Genau so wie der Penis ebenfalls einen Eigengeruch hat. Und wenn man an einem solchen Punkt ist, hilft auch die parfümierte Slipanlage nicht mehr weiter.
Der Fakt, dass Frau auf eine solche jedoch sonst immer zurück greift, damit nicht das kleinste bisschen Eigengeruch austreten kann, führt zu einem recht gespannten Verhältnis zu diesem, was eben auch im Sexualleben sich darin äußern kann, dass Frau lieber auf Oralsex verzichten möchte, weil sie Angst hat, nicht gut genug zu duften. Denn die Sekrete riechen und schmecken ja nicht wie Konfekt, Erdbeeren oder Rosen.
Deine Viktoria
Ich bin jetzt fertig und habe bei mir was dazu geschrieben.
Das schönste Feuchtgebiet ist die Rossmoosalm in Bad Goisern
Hallo Viktoria,
weibliche Sekrete können sogar extrem erotisch schmecken und riechen. Und Frauen die riechen, verströmen einen Körpergeruch genauso wie Männer.
Und wenn man sich buchstäblich riechen kann, dann riecht alles gut.
@Frederik: Eine gesunde Einstellung, die leider meisthin vollkommen totgeschwiegen wird und in peinliche, disqualifizierte Scherze á la „fischig“ verpackt wird. Warum eigentlich? Aus Scham? Angst? Unwissen? Ohnmacht?
Ich kann nur sagen, daß weibliche Sekrete nach Erotik schmecken und riechen.
„Fischig“ habe ich offen gestanden noch gar nie festgestellt.
Und Männer riechen in ihrer Intimregion auch nicht gerade fein, wenn sie mal eine Weile nicht geduscht haben.
Ich vermute daß die Frauenwelt da einem allgemeinen Klischee und Vorurteil aufsitzt und sich das ganze auf üble Witze auf Kosten der Frauen begründet.
Männer haben ganz allgemein ein sehr ambivalentes Verhältnis zu weiblichen Dingen.
Auf der einen Seite brauchen sie Frauen als Sexualpartnerinnen und auf der anderen Seite betrachten sie Frauen in ihrer Sexualität als eher schmutzig und minderwertig.
Die Klischees hören trotz aller Aufklärung scheinbar nie auf.
Selbstbewußte Frauen stört das nicht und deshalb hat ein Großteil der Männer mit solchen Frauen auch Probleme.
Das Problem ist, wenn Du als Mädchen mit solchen Klischees aufwächst, die immer irgendwie durschimmern, in der Schule zum Beispiel, ist es schwer, eine selbstbewusste Position zum eigenen Körper und dessen Flüssigkeiten „da unten“ zu entwickeln. Es bleibt immer die Sorge, dass der Partner den Geruch und Geschmack, doch abartig finden könnte, dass man doch stinkt, etc. Das empfinde ich als sehr problematisch. Es findet einfach unterschwellig immer eine, nennen wir es, Vagina-Diskriminierung statt, welche anscheinend legitim und lustig ist, das Körper- und Selbstwertgefühl von Mädchen allerdings schädigen kann, das Entwickeln eines sexuellen Selbstbewusstseins zumindest erschwert.
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Es ist in meinen Augen eine Tabuisierung, indem alles was unterhalb der Bauchnabels kommt als
unrein und schmutzig angesehen wird. Sicher wirkt das das Mädchen noch stärker als auf Jungs, aber die Taktik ist auch bei Jungs nicht sehr viel anders.Auch Jungs wissen in der Pubertät mit ihrer Sexualität nichts anzufangen und betrachten sie meist eher als bedrohlich, denn als Segen. Die Erwachsenen haben zu meiner Zeit die Jugendlichen alleine gelassen und heute ist es nicht viel besser.
Dennoch waren alle meine ersten sexuellen Erfahrungen mit älteren Mädchen ausschließlich oraler Natur und ich habe die Mädchen damals regelrecht verehrt und vergöttert, weil sie mir unendlich überlegen und stark vorgekommen sind.
Diese Selbstverständlichkeit und Stärke war für mich faszinierend und daraus schließe ich heute, daß es auch zu meiner Zeit schon unabhängige und starke Mädchen gab, die sich von nichts beeindrucken ließen und die damals ganz sicher nicht jedes Mal vor einem oralen Kontakt stundenlang unter die Dusche gegangen sind. Ich fands normal und sogar befriedigend und spannend obwohl es damals nie zu einem Coitus gekommen war. Es mag sich komisch anhören aber es war so. Gerochen und geschmeckt habe ich mehr als genug, aber es war niemals unangenehm.
Mit den anderen Jungs, die natürlich ganz andere Geschichten erzählt haben, konnte ich da natürlich nicht mithalten und darum habe ich darüber auch nie gesprochen.
Auffallend war aber für mich, daß es die besten und hübschesten Schülerinnen waren, die gleichzeitig auch durchwegs erstklassige Sportlerinnen waren.
Andere Jungs haben mich beneidet und haben mir die tollsten Fähigkeiten unterstellt.
Hätte ich ihnen die Wahrheit erzählt, dann wäre ich unten durch gewesen. Ich möchte es daher nicht missen.
[...] wie möglich hat man hierzulande offensichtlich jeglichen Blick verloren! Auch schön bei Viktoria da, da und in den darunter gegebenen Kommentaren zu [...]
Ich freue mich, einen Blog gefunden zu haben, der sich mal nicht darum bemüht, das Buch in Grund und Boden zu reden, in dem man das Buch nur auf Worte reduziert, welches so einige Blogger ja leider tun. Man muss aber noch erwähnen, das es auch noch einen weiteren Aspekt gibt. Das Buch zeigt sehr schön auf, wie durch die Projektion der Psychosen der Mutter auf die Tochter, aus Helen genau das wird, was sie ist. Vielleicht könnte man dies auch Stellvertretend sehen, allgemeine Ansichten der Öffentlichkeit was normal ist, die versucht werden dem Individuum einzuimpfen.
Hm, jetzt sehe ich das mich meine Interprätation genau dahin gebracht hat, wo der Artikel schon längst war
Danke für den Denkanstoß ^^
hallo luciola!
ich habe mich sehr über deinen kommentar gefreut.
es freut mich natürlich sehr, wenn ich menschen auf eine positive art anspreche.
du hast recht, was die psychosen der mutter angeht. eigentlich wäre auch noch ein weiterer aspekt die scheidungsgeschichte der eltern. in diesem punkt ist helen sehr infantil.
allerdings dachte ich mir, dass wohl die sexuelle komponente das ist, was die mehrheit so schlimm fand, somit habe ich mich darauf konzentriert.